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Interview mit Hannah Rödiger – Nerven behalten und verstehen

von | Mai 15, 2018 | Interviews | 0 Kommentare

Das Heilandt in Köln ist für wohlschmeckenden Kaffee bekannt. Im Café stehen silberne Tonnen an der Seite, in denen Bohnen aus der eigenen Rösterei einen angenehmen Kaffeeduft versprühen. In dieser Atmosphäre traf ich Hannah Rödiger; Yogalehrerin, Sportwissenschaftlerin und angehende Z-Health Master Trainerin.

Als Expertin für das Zusammenspiel von Körper und Geist, berät sie Profisportler darin, wie sie bessere Leistungen erzielen und zeigt Menschen mit Beschwerden Wege zur Linderung auf. Ich will mehr wissen, bin ungeduldig und stelle gleich zu viele Fragen auf einmal:

 

 

 Liebe Hannah, danke, dass du dir Zeit für ein Interview nehmen konntest. Du bist viel unterwegs und lernst ständig dazu. Was treibt dich an? Was ist dein Motor? Wonach suchst du?

Das ist eine der schwierigsten Fragen, die ich mir je gestellt habe. Was ist dein Warum? Ich hatte eine schöne Kindheit, bin nicht in Armut aufgewachsen und es gab keinen familiären Schmerz, aus dem ich raus musste. Es steckt keine tragische Geschichte hinter meiner Arbeit.

Ich empfinde Schmerz, wenn andere Menschen Schmerz empfinden. Deshalb will ich dabei helfen das Leben der Menschen bunter, freier und schöner zu gestalten. Dabei finde ich auch viele Dinge über mich selbst heraus und darüber wer ich in der Zukunft sein möchte.

Als ich begann mich mit Neurologie zu beschäftigen, hatte ich das Gefühl, dass ich gefunden habe, was mein Herz erfüllt. Es bringt mich manchmal zum ausrasten, wenn ich vor einem Buch sitze. Da ist eine nervige, innere Freude und auch Erfüllung in dem was ich tue.

 

Du durchläufst momentan das Z-Health Curriculum. Was heißt das genau?

Entwickelt wurde Z-Health von dem Amerikaner Dr. Eric Cobb, welcher mit einer alten Schulfreundin Kathy Mauck schließlich die Firma
gründet. Dr. Cobb findet seinen Hintergrund in der Chiropraktik und Medizin, Kathy Mauck im Sales und Leadership. So entwickelten sie Z-Health zu einer weltweit praktizierten Methode der Neuroathletik und Leistungssteigerung.

Die meisten Trainingssysteme fokussieren sich auf einzelne Systeme, wie das Bewegungssystem oder das Herz-Kreislauf-System. Z-Health geht da einen Schritt weiter und man beschäftigt sich als Trainerin direkt mit der Schaltzentrale im Kopf und dem gesamten Nervensystem.

Ich stelle mir die Frage, was potenzielle Gefahrensituationen für Auswirkungen auf die Physiologie und die Bewegung haben? Z-Health geht dieser Frage in 4 Grundkursen und 8 Aufbaukursen auf den Grund.

 

Was genau meinst du mit potenzieller Gefahrensituation und wie äußert sich das im Training?

Unterbewusst nehmen wir sehr viel mehr wahr, als uns bewusst ist. Angstreaktionen können sich daher in Angriff, Flucht oder Einfrieren äußern, ohne dass wir bewusst wahrnehmen, wo diese herkommen. Im Training kann das bedeuten, dass man mit dem Atmen aufhört, dass Pressatmung einsetzt oder die Augen zu flackern beginnen. Der Körper drückt in dem Moment sein Unwohlsein über physische Signale aus.

Das sehe ich dann oft an einer gebeugten, zusammengezogenen Haltung. Das Blut fließt zur Körpermitte, wodurch Hände und Füße kühler werden. An vielen kleinen Stellschrauben kann ich also erkennen, ob jemand im Flucht- oder Angriffsmodus ist.

 

Die Körperhaltung von der du sprichst, ist wiederum eng mit unseren Emotionen verknüpft. Es ist sehr schwer in einer solch zusammengezogenen Haltung positiv zu denken. Arbeitest du dann viel mit der Körperhaltung deiner Kunden?

Das schöne bei der Arbeit mit dem Nervensystem ist, dass Dinge die neuronal verknüpft sind, auch einander beeinflussen. Das heißt, wenn unsere Organe zusammengezogen sind, bekommen das unsere Hirnnerven mit und informiert andere Bereiche unseres Körpers. Daraufhin erhöht sich unser Blutdruck und die Pupillen verkleinern sich.

Wenn jetzt jemand zu mir kommt und sagt: „Ich habe ständig kalte Hände und Füße.“ Dann weiß ich, dass das sympathische Nervensystem die ganze Zeit über feuert und die Extremitäten blutarm hinterlässt.

Ein Ansatz, um diese Problem zu lösen, wäre zum Beispiel über Atemübungen zu gehen, die sich vermehrt auf die Ausatmung fixieren. So können sich die Blutgefäße durch den vermehrten CO2-Gehalt im Blut wieder weiten und Finger und Füße werden wärmer. Z‑Health ist eine Kombination vieler bekannter Techniken zur Schmerzreduktion oder zur Leistungssteigerung.

 

Du hast mir erzählt, dass Z-Health auf den drei Säulen Sehen, Gleichgewicht und Bewegung fußt. Wie findest du heraus, wo du bei einer Person ansetzt, wenn du sie zum ersten Mal zum Training triffst?

Hannah RödigerWenn z.Bsp. ein Klient mit Schmerzen zu mir kommt, bekommt er erst einmal einen Anamnesebogen. Der ist sehr ausführlich und ich versuche dadurch genau zu verstehen, woher der Schmerz kommt, wann er zum ersten Mal aufgetreten ist und in welcher Verbindung er zu anderen Vorgängen im Körper steht. Indem ich nach Vorlieben für Sportarten frage, erfahre ich schon viel über das visuelle System.

Das Nervensystem ist zwar komplex, doch auch organisiert. Auf meinem Fragebogen werden deshalb Muster und Zusammenhänge sichtbar. So erhalte ich meinen ersten Eindruck der Person. Danach folgen dann neurologische Tests aus meiner Ausbildung, um u.a. das periphäre Nervensystem, das visuelle System und Gehirnareale zu evaluieren. So überprüfe ich, ob meine Vermutung nach dem Fragebogen gestimmt hat.

Wenn wir dann in die Traningsphase übergehen, nutze ich die Tests, um zu messen, ob Verbesserungen eingetreten sind. Ich vergebe dann manchmal Hausaufgaben, doch stelle keine direkten Diagnosen, da ich immer alles gegenteste, bis nachweislich Verbesserungen eingetreten sind.

 

Hannah, ich brauche hier mal ein konkretes Beispiel. Wie sieht so eine Übung oder ein Test aus? Hannah hält ihren Daumen hoch vor ihr Gesicht und streckt ihren Arm in Richtung meines Gesichtes aus. Ich fokussiere die näherkommende Hand.

Bei dir zum Beispiel sehe ich, dass dein linkes Auge nicht so gut fokussiert wie dein rechtes. Die Augen geben mir im Allgemeinen viele Informationen. Bei Menschen mit Migräne kann es manchmal helfen, eine farbige Brille vorm Rechner oder beim Lesen aufzusetzen.

Ich betrachte eine Sache aber nie isoliert, sondern würde jetzt noch weiter nach deiner Krankheitsgeschichte, nach eventuellen Kieferproblemen und deinen Sportvorlieben fragen. Je genauer mein Bild von einer Person ist, desto leichter kommen wir den nervlichen Herausforderungen dahinter näher und können eine Lösung finden.

 

Ich bin verblüfft, weil ich tatsächlich eine Augen-OP hatte und mein rechtes Auge seither führt. Jetzt denke ich daran, zu welchen Verschachtelungen das in meinem Kopf geführt hat. Du scheinst sehr aufmerksam und achtsam, doch gleichzeitig wissenschaftlich vorzugehen. Nutzt du Achtsamkeitstraining in deiner Arbeit?

Da ich nach meinen Übungen erfahren will, ob sich etwas verbessert hat, muss ich in erster Linie sehr Aufmerksam sein. Auch beim Erlernen einer neuen Übung muss ich sehr Aufmerksam und beim Vermitteln auch achtsam sein, um das Erlernte in bewusste Kompetenz zu verwandeln.

Ich übersetze Achtsamkeit gerne mit Intention. Da wir so stark unterbewusst gesteuert sind, finde ich, dass wir unser Bewusstsein klug nutzen. Das geht nur mit einer gewissen Achtsamkeit. Wenn ich eine Übung mache, dann versuche ich alles andere auszublenden und ganz bei der Übung und meiner Haltung dazu zu sein.

Wir haben einen Frontallappen, der uns von allen anderen Säugetieren unterscheidet. Wir können Dinge bewusst unterdrücken oder hervorrufen. Dadurch ist es uns überhaupt erst möglich achtsam zu sein. Deshalb, glaube ich, hängen Neurologie und Achtsamkeit sehr eng zusammen.

 

Wenn ich als Schauspieler auf der Bühne stehe, erfinde ich Geschichten, die es noch nicht gibt. Dieser erfundenen Geschichten teile ich mit den Zuschauern, die sie ebenfalls in dem Moment erleben. Auch diese Vorstellungskraft macht uns Menschen besonders. Wie verwendest du Geschichten oder mentale Bilder?

Ich schicke Menschen gerne auf eine Zeitreise. Nehmen wir das Beispiel Rückenschmerzen, weil gefühlt jeder Zweite gerade welche hat. Meine erste Frage wäre dann, was dich jetzt gerade davon abhält, Dinge zu tun, die du gerne tun würdest, weil du diese Rückenschmerzen hast? Was können wir in diesem Moment tun, damit die Schmerzen abnehmen und was könntest du in Zukunft alles machen, wenn du keiner Rückenschmerzen mehr hättest?

Ich frage auch nach der Vergangenheit und schicke jemanden auf eine Reise mit einem abnehmenden Schmerz in der Zukunft. Visualisierung spielt dabei eine große Rolle. Die geschieht im Kleinhirn und ist für mich ein Schlüssel zum Erfolg. Wenn du sehen kannst, wie das Leben aussehen könnte, hast du schon viel gewonnen.

Sich vorstellen zu können, wie das Leben sein könnte, ist für mich einer der größten Schlüssel zum Erfolg. Allerdings gibt es drei verschiedene Systeme, wie Menschen sich wahrnehmen. Bei der Exterozeption geht es um die äußere Wahrnehmung, bei der Interozeption um die innere Wahrnehmung und die Propriozeption bezeichnet die Wahrnehmung von Körperbewegung und der Lage einzelner Körperteile zueinander. Manche Menschen visualisieren sich eher von außen und andere eher von innen. Über diese Eigenwahrnehmung kann ich schon erste Rückschlüsse auf das Training ziehen.

 

Wie baust du eine Bindung zu deinen unterschiedlichen Kunden auf?

Zunächst einmal ist es für mich ein sehr wichtiger Faktor, so schnell wie möglich eine starke Bindung zu meinen Kunden aufzubauen. Damit meine ich aber nicht nur die bewusste Person, die vor mir steht, sondern auch das unterbewusste Nervensystem, mit dem die Person unterwegs ist. Wenn mich jemand als Trainerin unterbewusst für eine Gefahr hält, wird dort schon die Leistungsbremse angezogen.

Deshalb wäre es fahrlässig, wenn ich nicht auch ständig an mir selbst arbeiten würde. Wir machen verrückte Sachen im Training. Die Menschen drehen sich z.Bsp. im Kreis, tragen dabei eine bunte Brille während sie laut buchstabieren. Deshalb ist es umso wichtiger, dass es mir gelingt, einen sicheren Raum zu schaffen. Als ich mit Z-Health begonnen habe, musst ich auch ein höheres Level fahren. Ich reflektiere mich stärker selbst, lerne ständig dazu und führe Tagebuch, um mich selbst zu verbessern.

 

Was ist deine größte Stärke?

Ich weiß, dass ich alles lernen kann, was ich noch nicht weiß und kann das auch selbstbewusst vor anderen sagen.

 

Welches Aha-Erlebnis ist dir in deinem Leben stark in Erinnerung geblieben

Ich war in Kopenhagen bei meinem ersten Z-Health Kurs, um etwas Neues zu lernen. Matt war einer der Ausbilder und hat über die Funktionen des Nervensystems und die Dysfunktionen in der heutigen Welt gesprochen. Ich dachte nur: „Krass, das alles ist neuronal und gar nicht muskulär?“ Das hat meine Welt auf den Kopf gestellt und ich wollte mehr wissen, um anderen zu helfen. Das war größer als ich, größer als meine Angst. Seit diesem einen Moment hat es mich gepackt und nicht mehr losgelassen.

 

Eine letzte Frage habe ich noch an dich Hannah. Was würdest du der jüngeren Hannah, ein Jahr vor diesem Erlebnis in Kopenhagen, mit deinem Wissen von heute raten?

Alles hat seine Zeit. Du darfst ruhig mehr Pausen machen und Geduld haben. Alles wird gut werden.

 

 

Die Geräuschkulisse im Heilandt ist inzwischen ohrenbetäubend, doch in meinem Kopf herrscht eine angenehme Stille, die nachklingt. Ich danke Hannah für ihre Offenheit, das Teilen ihres Wissens und die inspirierende Stunde in der Kölner Innenstadt. Auf dem Weg nach Hause strecke ich meinen Arm aus, bewege meinen Daumen langsam auf mein Gesicht zu und merke, wie meine Augen fokussieren. Dann schließe ich sie und mir schießt ein Gedanke durch den Kopf: „Alles wird gut.“

 

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