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Bäume leben länger

von | Mrz 21, 2018 | Allgemein | 0 Kommentare

Es war eine faszinierende Aufgabe. Als erste Forschungsgruppe der Welt machten wir uns daran einige Geheimnisse des Lebens zu erkunden. Tag für Tag stand ich dafür im Gewächshaus des Max-Planck Institutes für Pflanzenzüchtungsforschung. Auf der beweglichen Bank vor mir waren tausende von Samen verschiedener Wildarten ausgesät worden. Jetzt brachen die ersten Keimlinge durch ihre harte Schale. Nach Carl von Linné gehörten sie der gleichen Familie der Brassicaceaen an, doch ihre Unterschiede waren grandios. Raps, Brokkoli, Senf und Kohlrabi gehören dazu. Meine Aufgabe war es das Erbgut dieser Pflanzen zu sammeln, um erstmals ihre DNA zu entschlüsseln. Wir wollten beantworten, warum manche Pflanzen einen kurzen, einjährigen Lebenszyklus haben, während andere Jahr um Jahr neue Samen hervorbringen können?

 

Stärke dein Selbst

Jahre später stand ich auf einer Bühne in Köln und erzählte ebenfalls von Keimlingen. Der Kontext war jedoch ein anderer. Zum ersten Mal stand ich mit einem Seminar auf der Bühne. Meine Vision ist es Wissenschaft, Improvisationstheater und Kommunikation zu etwas Neuem zu verbinden. Heraus gekommen ist Stärke Dein Selbst – ein Seminar zum Thema Resilienz. Um über Resilienz zu sprechen, hilft es ein Bild dazu zu haben.

 

Resilienz oder Stressresistenz

Der Begriff Resilienz stammt aus der Physik und beschreibt einen Körper, der durch äußere Einwirkung verformt wird und sich bei Fernbleiben des Einflusses wieder in seinen Ursprungszustand zurück verformt. Wie ein Grashalm im Wind, ein Stehaufmännchen oder eine mehrjährige Pflanze, die nach einem harten Winter wieder blüht.

Resilienz unterscheidet sich dabei von der Stressresistenz. Resistente Körper geben nicht nach, sie haben eine äußert harte Schale und lassen sich nicht leicht verformen. Stressresistenz kann man daher eher mit einem unbändigen Willen, einem Felsen in der Brandung oder einem Schild vergleichen. Obwohl Resilienz und Stressresistenz beide dazu führen, dass Belastungen überstanden werden, sind sie in ihrer Strategie gänzlich unterschiedlich.

 

Vier Säulen der ResilienzBäume

In der Vorbereitung auf das Seminar sprach ich mit der Resilienzexpertin Ella Amann. In ihrer Arbeit beschreibt sie vier Hauptfelder, die wichtig sind für die Ausbildung von Resilienz. Kontext, Embodiment, Interaktion und Mindset. Um gut mit Krisensituationen und Stress umgehen zu können, ist es wichtig, den Kontext zu definieren. So können wir eine Stresssituation als das Betrachten, was sie ist. Embodiment bezeichnet die Zusammenarbeit von Körper und Geist. Stresssignale können in beide Richtungen fließen und es lohnt sich den Körper in der Resilienzarbeit einzubeziehen.

Die Vorreiterin Emmy Werner hat mit ihrer Langzeitstudie gezeigt, dass Interaktion ein wichtiger Faktor in der Resilienzarbeit ist. Die resilienten Menschen, die die Forscherin begleitet hat, hatten immer einen Bindungspartner, der ihnen zwischendurch gesagt hat: „Du bist gut genug!“ und „Du kannst was!“.       Schließlich ist da der Kopf. Wie denken wir über die Situation und über uns selbst in der Situation? Wenn das Mindset stimmt, ist schon viel Resilienz gewonnen.

Kontext, Embodiment, Interaktion und Mindset. Ein KEIM der im Boden aufgehen darf und in dem ein ganzer Wald steckt. Genug Energie um die nächsten Krisen zu meistern. Wie passend dieser Vergleich zu dem Wort Seminar ist, wurde mir erst später bewusst. Seminar kommt vom lateinischen Seminarium und beschreibt eine Baum- oder Pflanzenschule.

 

Antwort auf ein langes Leben

Ich sehe mich wieder im Gewächshaus stehen. Vor mir sind die einjährigen, schnelllebigen Pflanzen schon fast vergangen. Nur ihre Samen sind übrig. Die mehrjährigen Brassicaceaen haben auch nach ihrer Blüte satte, grüne Blätter behalten. Ein Unterschied ist mir jetzt klar. Während die einen ihre gesamte Energie verbrennen, um nach einer schweren Zeit viele Nachkommen zu erzeugen, behalten die anderen einen Vorrat an Energie in Form von undefinierten Keimzellen für sich. Indem sie sich diese Flexibilität erhalten, können sie wieder und wieder Samen produzieren.

Bäume sind so etwas wie die Könige der mehrjährigen Pflanzen. Sie verbinden Stressresistenz und Resilienz miteinander. Zu den flexiblen undefinierten Keimzellen, die den Pflanzen innewohnen, gesellt sich eine harte, äußere Schale. Das ruhige, stetige Wachstum eines Baumes kann auch für uns Menschen eine Inspiration sein. Wachsen, für uns Sorgen und dabei flexibel bleiben. Selten trifft ein Spruch über die beeindruckende Langlebigkeit der Bäume so genau zu, wie: „In der Ruhe liegt die Kraft“.

Ich wünsche Ihnen eine kraftvolle Woche,

Ihr Dr. Benjamin Hartwig

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