//Cookie Consent

Avatar

von | Feb 21, 2018 | Geschichten, Wissenschaft | 0 Kommentare

Für einen kurzen Augenblick war ich getäuscht. Die Wachsfigur sah mir ähnlich und obendrein sehr lebendig aus. Der Mann hing an der Decke und sprang gerade von einem Sprungturm. Ich reckte die Arme in die Luft und meine Schwester schoss ein Bild, das Wachsfigur und Mensch zu einem eingefrorenen Ganzen vereinigte. Bei der Betrachtung des Bildes fiel mir auf, wie schnell ich mich mit der leblosen, aber liebevoll gestalteten Figur, identifizieren konnte.

Von Disney zu Cameron

Das wir Menschen uns mit Figuren aus Geschichten identifizieren können, ist seit der Arbeit von Joseph Campbell und seinem Buch „Der Held mit den 1000 Gesichtern“ sehr gut aufgearbeitet worden. Später bewies Walt Disney mit dem ersten animierten Film „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, dass auch gezeichnete Figuren emotionale Reaktionen bei den Zuschauern hervorrufen können. Walt Disney soll bei der Filmpremiere in New York angespannt gewesen sein. Zuvor hatte noch nie jemand gewagt mit Zeichnungen eine Geschichte im Kino zu erzählen. Erst als Schneewittchen starb und die Zwerge um sie trauerten, konnte Disney sich entspannen. Denn um ihn herum weinten hunderte New Yorker mit.

Disneys Bemühungen ebneten den Weg für andere Schwergewichte der Animations- und Trickfilmkunst. 2009 kam schließlich der Film Avatar in die Kinos. James Cameron hatte die Hoffnung, dass wir uns mit der Rasse der Na’vi identifizieren können. Er wurde belohnt und der Film ist auch in diesem Jahr mit knapp 3 Milliarden US Dollar der erfolgreichste Film aller Zeiten, wenn man das Einspielergebnis zu Grunde legt.

Avatar heute

Seit 2009 hat sich einiges getan auf dem Markt der Avatare. Viele Firmen schossen aus dem Boden, um Avatare in Spielen, Chatrooms und zur Gesprächsführung nutzbar zu machen. Die Sims, Second Life und Eviebot sind jedoch erst der Anfang. Eine der neueren Firmen stellt jetzt schon Avatare zur Verfügung, die dem Nutzer mit den Augen folgen können, mit künstlicher Intelligenz reagieren, dazulernen und menschliche Emotionen darstellen können. Die Firma heißt Expressive Inc., wurde im letzten Sommer gegründet und die Ergebnisse sind beeindruckend:

Wo die Entwicklung hinführt, kann ich nur vermuten, doch schon jetzt sind Chatbots im Netz mit wachsender Zahl anzutreffen. Oft merken die Nutzer nicht mehr, ob sie gerade mit einer Maschine oder mit einem Menschen schreiben. Das Kommunikationsmuster von Menschen so einfach sein konnten ist seit der Software ELIZA bekannt. Der Chatbot ELIZA wurde 1966 von Joseph Weizenbaum entwickelt. Weizenbaum war überrascht, wie leicht es war eine menschliche Stimme zu modellieren, obwohl ELIZA „nur“ auf Schlüsselbegriffe der Nutzer, wie „Mutter“ oder „Vater“ reagierte. Heute lernen die Bots dazu, auch wenn die künstliche Intelligenz dahinter noch ein Stück weit davon entfernt ist Ironie, Sarkasmus und Metaphern gezielt erkennen zu können.

Jennifer Aniston Neuronen

Warum passiert es jedoch überhaupt, dass wir uns mit einer künstlichen Intelligenz identifizieren können? Wird es in Zukunft so sein, dass wir uns gar in Avatare verlieben und mit ihnen unsere Leben verbringen wollen? Der Film „HER“ lässt grüßen. Ein Teil der Antwort befindet sich in unseren Köpfen.

Der Wissenschaftler Rodrigo Quian Quiroga war ursprünglich Physiker und widmete sich mit Anfang 30 der Neurologie. Er war der erste, der eine neue Art von Neuronen im Hippocampus entdeckte. In seinem Labor kann Quiroga das elektrische Potenzial einzelner Neuronen messen. Eines Tages fand er ein Neuron, dass auf den Star aus der Serie „Friends“ reagierte. Es war egal, ob er ihren Namen aussprach, ein Bild von ihr zeigte oder den Namen auf ein Blatt Papier schrieb. Das Neuron feuerte immer bei dem Wort Jennifer Aniston. Deshalb nannte Quiroga es auch Jennifer Aniston Neuron und erlangte dadurch unglaublich viel Aufmerksamkeit.

Kurz darauf fand er andere Neuronen für Oprah Winfrey oder sogar ihn selbst, obwohl die Patienten ihm erst am Tag zuvor begegnet waren. Da unsere Hippocampi die Teile des Hirns sind, die für das Sortieren von Erinnerungen verantwortlich sind, leitete Quiroga daraus ab, dass wir denken, wie wir sehen; nämlich in Flicken. Es war schon länger bekannt, dass unsere Augen nicht die Realität wahrnehmen, sondern eine Fülle von Einzelbildern an das Gehirn senden. Ähnlich scheint es mit dieser Art von Neuronen zu sein. Sie können mehrfach belegt werden, so dass wir Jennifer Aniston mit einem bestimmten Ort verbinden oder Oprah Winfrey mit z.Bsp. einer Rose.

Avatar im Kopf

Diese Belegung verschwindet nicht einfach, sondern scheint zu überdauern, bis das Neuron eines Tages abgebaut wird.Das heißt also, wenn wir jemanden treffen, einen neuen Ort oder Gegenstand kennenlernen, formt sich in kürzester Zeit ein belegtes Neuron in unserem Kopf. Wir tragen die äußeren Dinge hinter unserer Stirn mit uns herum. Ich glaube, dass diese optimale Anpassungsfähigkeit des Menschen dafür verantwortlich ist, dass wir auch Avatare in unsere Leben und in unsere Köpfe lassen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche,

Ihr Dr. Ben Hartwig

 

 

 

 

 

 

 

Blog Kategorien

Share This