Pretotyping – Der Turbo für gute Ideen

von | Jan 25, 2018 | Geschichten, Wissenschaft | 0 Kommentare

Jeder hat sie, manche davon begeistern und eine einzige kann die Welt verändern – Ideen. Den Ideen geht es jedoch wie jedem anderen Produkt, das in Massen vorhanden ist. Sie haben kaum einen Wert. Ich bin überzeugt davon, dass folgende Anzeige im Internet kaum Aufrufe erzielen würde:

Ideengeber in jeder Lebenssituation

Mein ganzes Leben lang habe ich großartige Ideen gehabt und damit mein Umfeld inspiriert. Wenn auch du nicht weiter kommst, dann fällt mir garantiert eine zufriedenstellende und machbare Lösung für deine Situation ein. Schreib mich einfach an unter: ideenguru@gmail.com Jede Idee kostet dich nur 0,99 Cent ein Bündel von fünf Ideen bekommst du nur heute für 2,49 € statt 4,49 €.

 

Edison geht ein Licht auf

Unsere Familie, unsere Freunde und Foren im Internet sind voll von Ideen. Die Idee allein ist aber nur ein Impuls, nicht mehr. Der Wert einer Idee entsteht erst durch die Umsetzung, die in Ergebnisse mündet. Das bedeutet, dass man im Umkehrschluss sehr viel Zeit mit Ideen vergeuden kann, die in eine Sackgasse führen. Gründe dafür können sein:

  • Die Zeit ist noch nicht reif für die Idee
  • Die Technologie für die Umsetzung ist noch nicht entwickelt
  • Es interessiert niemanden
  • Die Idee hat keinen oder kaum einen Nutzen
  • Die Ausgaben übersteigen auf lange Sicht die Einnahmen

Deshalb nutzen viele Entwickler in der Vergangenheit Prototypen, um ihre Idee zu testen, oder Investoren vorzustellen. Thomas Edison entwickelte erst eine Glühbirne, bevor die Massenproduktion gestartet wurde. Allerdings brauchte er sehr viele Versuche und eine Menge Frusttoleranz, bis diese eine Glühbirne fertig war und funktionierte. Nicht alle sind so stur, verbissen und resilient wie Edison. Deshalb beschäftigt sich dieser Blog auch mit der Schnittstelle zwischen einer Idee und dem fertigen Prototyp.

 

Von Prototyp zu Pretotyp

Wenn es einen Prototyp gibt, ist eine entscheidende Frage beantwortet: „Funktioniert das Ding?!“ Wenn diese Frage mit nein beantwortet wird, muss man entweder an der Idee oder an dem Prototyp feilen. Wird sie mit ja beantwortet, weiß ein Entwickler jedoch noch lange nicht die Antwort auf eine andere Entscheidende Frage: „Würde der Prototyp gekauft werden?“ Unter Umständen wird viel Zeit und Energie in einen Prototyp gesteckt, der schließlich nie oder noch nicht genutzt wird.

Deshalb gibt es pretotyping. Ein Pretotyp ist im Prinzip ein Prototyp, der noch nicht funktioniert. Durch den Pretotyp erfährt man welche Nutzer sich für die Idee begeistern lassen und ob es genug Menschen davon gibt, so dass sich die Produktion lohnt. In der Draper University, des berühmten Investors aus dem Silicon Valley und auf der Seite pretotype.org gibt es weitere Informationen zu Pretotypen. Hier möchte ich zwei Wege vorstellen, die ich selber nutze, um meine Ideen zu testen.

 

  1. Pinocchio

Der gleichnamige Film ist einer von Walt Disneys ersten Meisterwerken. Die Geschichte um die Holzpuppe Pinocchio des Puppenmeisters Geppetto, die ein echter Junge werden wollte, begeisterte und begeistert Millionen von Menschen. Pretotyping verläuft ähnlich. Als der erste Palm-reader, ein Vorläufer des Blackberrys bzw. der Smartphones, entwickelt wurde. Schnitze der Macher einfach mehrere Versionen des Pretotyps aus Holz.  Er verteilte die Attrappen an seine Freunde und bat sie damit eine Woche lang herum zu laufen. Sie sollten den Palm in der Tasche tragen, im Meeting herausholen, darauf herum tippen und ihm ihre Erfahrungen mitteilen.

Als der Entwickler sicher war, dass die Menschen das Gerät nutzen würden, dass es nicht zu sehr stört und Interesse weckt, baute er den elektronischen Palm Prototyp. Der Palm sah fast so aus, wie sein Holzvorgänger. Ein echter Pinocchio.

Ich nutze diese Technik gerne, indem ich in den Lego-Laden gehe und mir dort Dinge zusammenbaue oder die Männchen nutze, um etwas darzustellen. Um diese einfache Idee herum hat sich mit Lego Serious Play sogar ein ganzer Consultingzweig gebildet.

 

  1. Mechanical Turk

Der mechanische Türke geht auf das Schachspiel und den ersten Schachrobotter zurück. Vor Jahrhunderten sorgte im Osmanischen Reich eine Maschine für Aufsehen, die gegen Menschen Schach spielen konnte. Selbst komplexe Züge waren für die Maschine kein Problem. Manchmal gewann sie sogar.

Mit Dampf angetriebene Zahnräder setzten Schnüre und Greifinstrumente in Bewegung, die die Figuren auf dem Brett bewegten – so dachte man. In Wahrheit stellte sich heraus, dass sich ein türkischer Mann in dem Maschinenkasten befand, der gut spielte und durch Sehschlitze das Brett beobachten konnte. Jahre später jedoch wurden Computer, die Menschen im Schach besiegten Realität.

Gerade wenn ich Webseiten oder Apps ins Leben rufen möchte und noch nicht alle Funktionen fertig sind, ist diese Technik sehr wertvoll. Auf der Webseite von Invision kann sich jeder für einen Pretotype kostenlos registrieren. In Verbindung mit Photoshop oder Sketch wird Invision zu einem mächtigen Werkzeug. Ich kann einfache Bilder kreieren und diese dann miteinander verknüpfen. Auf dem Handy wirkt es dann, als wäre die App schon fertig. Der Prozess dauert jedoch nur ein paar Stunden.

So kann ich meine Ideen schnell mit Entwicklern und mit meinem Team teilen, damit jeder versteht, was gemeint ist und möglichst wenig Fehlkommunikation passiert.

Für weitere Pretotyp-Möglichkeiten und Anreize können Sie sich eine Übersicht herunterladen. Und natürlich freue ich mich zu Fragen und Kommentaren zum Pretotyping-Prozess.

 

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche,

Ihr Dr. Ben Harwig

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