Die Suche nach dem Beat

von | Jan 10, 2018 | Geschichten, Persönlichkeit | 0 Kommentare

Ich konnte es nicht hören. Das silberne Pendel des schwarzen Metronoms schlug mit 80 Schlägen pro Minute vor sich hin, doch ich blendete es einfach aus. Vier Jahre lang hatte ich Klavierunterricht und vier Jahre lang hatte ich recht erfolglos versucht im Takt zu bleiben. Als ich mit 18 in einer Band anfing, spielte ich E-Gitarre. Durch einen Sommerjob in einer Müslifabrik hatte ich genug Geld gespart, um mir eine himmelblaue Fender Stratocaster zu leisten. Noch heute liebe ich dieses Instrument. Den Beat habe ich dennoch nicht gespürt. Deshalb und weil unsere Musik keiner kommerziell erfolgreichen Richtung folgte, nannten wir die Band dann auch Offbeat.

Mit dem Studium ging die Zeit in der Band vorbei und damit auch meine musikalische Karriere, dachte ich. Meine Leidenschaft zum Improvisationstheater sollte mich nämlich, zehn Jahre später, wieder zu dem Punkt führen, an dem ich als Klavierschüler verzweifelt bin; auf die Suche nach dem Beat.

Das solltest du können

Nun ist das Leben mitunter ein gewitzter Lehrmeister und testet den Menschen, der es lebt. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Dinge nicht immer sofort klappen, wenn man etwas im Leben verändern will? Doch dort, wo sich die Schwierigkeiten und Unwegbarkeiten des Lebens befinden, liegt oft auch das größte Potenzial für Wachstum. In meinem Fall, sah ich mich damit konfrontiert auf einer Bühne zu singen. Mein Ensemble, das Springmaus Improvisationstheater, bringt diesen Sommer erstmals ein improvisiertes Musical auf die Bühne.

Der improvisierte Gesang unterscheidet sich vom üblichen Gesang dadurch, dass weder Text, Klangfarbe noch Melodie feststehen, bevor ein Lied gesungen wird. Dafür ist es sehr wichtig, dass Musiker und Sänger sich gut verstehen. Sie müssen sich auf einen gemeinsamen Song einigen. Dafür ist es natürlich hilfreich, wenn der Sänger zwei grundlegende Dinge beherrscht, bevor er sich an den improvisierten Songtext macht:

  1. Den Takt halten können
  2. Den Ton halten können

Ich konnte keines von Beidem. „Großartige Voraussetzungen für ein Musical,“ dachte ich. Doch es half nichts. Die Show wird im Juni steigen, ich bin auf den Plakaten drauf, also kam es für mich nur in Frage dadurch zu gehen, den Mund zu öffnen und zu singen; jeden Tag.

Digitale Helfer

In der Vergangenheit hatte ich schon einmal ein paar Stunden Unterricht genommen und kannte ein paar Atem- und Aufwärmübungen. Abgesehen davon war ich ein blutiger Anfänger darin, meine Stimme zu beherrschen. Ich verwechselte Kopfstimme mit Falsett und stresste meine Stimmbänder bei höheren Tönen. Da ich viel unterwegs bin, hielt ich nach digitalen Helfern Ausschau. Zusätzlich buchte ich einen 5-tägigen Musicalworkshop in London, um mein Ziel, besser singen zu können, zu zementieren. Wenn schon, denn schon.

Ich fand einige Gesangslehrer auf Youtube, entschließ mich aber auch nach Apps zu schauen, die beim Singen helfen. Nach einigen Fehlversuchen entschied ich mich mit einer Kombination aus den Apps Voxtrain und Vanido zu arbeiten. Voxtrain ist ein 6-wöchiges Programm, bei dem Stimmbildung, Atmung und die richtige Nutzung des Zwerchfells vermittelt werden. Mit Hilfe von Videos, Literatur und Übungen wurde ich so auf Gesang getrimmt. Allerdings war die Tonhöhe der Übungen oft über meiner Kapazität und ich war noch nicht so weit alles einfach eine Oktave tiefer singen zu können.

In der Vanido-App wurde zunächst meine Range ermittelt. Als klar war, wie hoch bzw. tief ich singen kann, wurde ich gefragt, welche Musikrichtung ich singen möchte. Ich entschied mich für Pop, da es mir am passendsten für ein Musical erschien. Schon ging es los mit verschiedenen Übungen zur Bruststimme, Kopfstimme oder Agilität des Gesangs. Die App misst die gesungene Tonhöhe und ein Klavier spielt im Hintergrund die Töne an, die ich zu singen habe. Sofort dachte ich an meinen Klavierunterricht und fragte mich, warum ich damals nicht einfach die Töne nachgesungen habe.

Nach einiger Zeit stieg ich in Vanido Level um Level auf. Die Übungen wurden schwieriger und es passierte etwas Merkwürdiges. Ich hatte Spaß. Etliche Singstunden, getrunkene Liter Wasser und traumatisierte Nachbarn später, war es so weit. Gleich nach Neujahr flog ich nach London, um von den Showstoppern zu lernen.

Kompliment London

Die Showstopper sind die einzige Improtheatergruppe, die es an das Londoner Westend geschafft hat. Für ihre improvisierten Musicals haben sie sogar einen renommierten Theaterpreis erhalten. Ein guter Ort zum Lernen. Es war eine schöne und intensive Zeit. Die Lehrer ließen uns viele Übungen immer und immer wieder machten. Wir sangen hunderte von Songs, sahen Musicals und übten uns darin, selbst welche auf die Beine zu stellen.

Den Beat konnte ich meistens nicht hören, doch eine Regel für ein improvisiertes Musical half mir immens: „Wenn du zweifelst, tanze!“ Als mein ganzer Körper in Bewegung war, viel es mir leichter im Takt zu bleiben und den Song zu finden. Am letzten Tag wollte ich gerade gehen, als mich einer der anderen Teilnehmer am Workshop zurückhielt. Er gratulierte mir zu einem Lied, dass ich gesungen hatte. Es hatte ihm sehr gefallen.

Köper als Metronom

Schwebend verließ ich London. „Ich bin doch nicht unrockbar,“ dachte ich und kehrte glücklich nach Hause zurück. Nach mittlerweile sechs Wochen nehme ich wahr, dass ich etwas aufrechter sitze, dass sich meine Atmung verbessert und sich meine Range erhöht hat. Jetzt blicke ich gespannt, statt ängstlich in den Sommer. Ich kann Ihnen nur empfehlen mit Ihrer Stimme zu arbeiten. Vielleicht dienen die benannten Apps oder der Showstopper Workshop ja als Inspiration dazu.

Ich wünsche Ihnen eine klangvolle Woche,

Dr. Ben Hartwig

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