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Chancen und Grenzen mentaler Erlebnisse

von | Dez 27, 2017 | Persönlichkeit, Wissenschaft | 0 Kommentare

Wie vorbereitet sind Sie auf das kommende Jahr? Das ist für viele eine verwirrende und für manche eine abschreckende Frage. Sie setzt voraus, dass einem klar ist, was das Vorhaben für das nächste Jahr ist. Neben Klarheit setzt die Frage auch voraus, den Grad der Vorbereitung bestimmen zu können. Jeder hat sein eigenes Messgerät dabei, wenn es um den Grad der Vorbereitung geht. Manche von uns fühlen sich nie gut vorbereitet und andere geben vor immer vorbereitet zu sein. Ich will die Frage daher etwas konkreter formulieren.

Dafür lassen wir das Wort  Jahr weg, da Vorbereitung abhängig vom Vorhaben ist und nicht abhängig von der Jahreszahl.  Weiterhin möchte ich die Frage geschlossen stellen, um Ihnen eine klarere Positionierung zum Thema Vorbereitung zu ermöglichen. Mit noch etwas Personalisierung bei der Fragestellung wird daraus: „Sind Sie auf Ihre Ziele vorbereitet?“

mentale VorbereitungFokus auf die mentale Vorbereitung

Falls Sie diese Frage mit JA beantworten, meinen Glückwunsch. Sie gehören zu der deutlichen Minderheit, auf die das zutrifft. Sie haben sich vermutlich Strategien überlegt oder diese unbewusst eingesetzt, um

  1. Ziele festzulegen
  2. Zu bestimmen, wann die Vorbereitungen abgeschlossen sind und
  3. Etwas zu tun, um diesen Grad der Vorbereitung zu erreichen

Da die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass Sie eines oder mehrere Dinge dieser Liste nicht getan haben, möchte ich in diesem Blog auf eine Strategie aus dem Sport hinweisen. Viele Topathleten schwören auf die physische Vorbereitung. Regelmäßiges Training und die richtige Ernährung sind ein muss, um in der Weltspitze mithalten zu können. Doch in den letzten Jahren wurde der Fokus verstärkt auf die mentale Vorbereitung gelegt. Durch das Zusammenspiel von Körper und Geist können noch ein paar Prozente herausgeholt werden, die in uns schlummern. Doch ist das wirklich so?

Ein Topf Gold in der Wissenschaft

Die Forschung hat sich der Sache in den letzten Jahren angenommen. In mehreren Experimenten wurde zuversichtlich herausgefunden, dass das sogenannte psyching-up funktioniert. Eine der beliebtesten Techniken, um die Psyche für den Sport nutzbar zu machen, sind mentale Bilder. Muskelerschlaffung konnte reduziert werden (Reiser et al., 2011), Muskelkraft konnte erhöht werden (Rozand et al., 2014) und eine höhere Beweglichkeit nach Unfällen erzielt werden (Tod et al., 2015). Die Wissenschaftler definierten mentale Bilder nicht nur als Bilder. Vielmehr werden dabei alle oder möglichst viele Sinne eingesetzt, um ein Erlebnis im Geist zu erschaffen.

In einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2016 (Slimani et al.) kam jedoch heraus, dass die mentalen Erlebnisse einen größeren Effekt auf das Selbstvertrauen und die Motivation der Studienteilnehmer hatten, als z.Bsp. auf Muskelwachstum. Dieses Ergebnis lässt schließen, dass uns die Vorstellung von etwas Positivem zwar nicht direkt zum Ziel führt, jedoch die Eigenschaften stärkt, die uns dem Ziel näher bringen. Wenn Sie sich einen Regenbogen vorstellen, finden Sie nicht automatisch einen Topf voller Gold am Ende. Das Bild des Regenbogens kann Sie jedoch motivieren. Sie arbeiten dadurch besser und werden befördert.

Grenzen der mentalen BilderZielscheibe

Meine Vermutung ist, dass positive geistige Erlebnisse auch ihre Grenzen haben. Es nützt nichts, sich immer nur vorzustellen, man könne eine Sprache besser sprechen, wenn man sie nicht auch übt. Außerdem kann eine unrealistische Erwartung, meiner Meinung nach, einen gegenteiligen Effekt haben. Dazu passt eine Geschichte, die ich von einem bekannten Trainer aus den Vereinigten Staaten hörte.

Der junge Mann wollte sich einen Namen als Trainer machen und ging zur Armee. Er hatte gehört, dass ein Ausbilder für die Scharfschützen gesucht werde, da viele die Ausbildung schlechter abschlossen, als es vom Ausbilder gewünscht wurde. Der junge Trainer war selbstbewusst und machte dem Ausbilder ein Angebot:

„Ich kann die Trefferquote deiner Schützen in zwei Wochen um 50 % verbessern.“

Der Ausbilder lachte und sagte: „Das glaube ich dir nicht,“ doch ihm gefiel die Selbstsicherheit und er fügte hinzu: „was soll mich das denn kosten?“

Der junge Trainer erwiderte: „10.000 $ pro Tag, falls ich erfolgreich bin. Nichts, falls die Quote nicht erreicht wird.“

Der Ausbilder freute sich über das Angebot. Schließlich glaubte er nicht an den Erfolg des Trainers, da sich vorher schon ganz andere die Zähne ausgebissen hatten. Zwei Wochen mit einem selbstbewussten Trainer könne seinen Schützen nicht schaden, dachte er. Außerdem würde das dem jungen Trainer als Lektion für sein Leben dienen. Er willigte ein.

Tatsächlich tat der junge die ersten vier Tage nichts anderes als die Schützen bei ihren Übungen zu beobachten. Der Ausbilder lachte in sich hinein. Doch am fünften Tag ließ der Trainer die Ziele der Schützen, die sonst weit entfernt aufgestellt waren, bis auf fünf Meter an sie heran bringen. Alle Schützen trafen ins Schwarze. Dann verdoppelte er die Distanz auf 10 Meter und so weiter, bis über 10 Tage schließlich sogar die ursprüngliche Entfernung übertroffen wurde. Die Quote wurde erreicht.

Als der Trainer seine Bezahlung einstrich, fragte ihn der Ausbilder, wieso diese Strategie erfolgreich war? Der Trainer lächelte und sagte: „Viele der Schützen kamen mit der hohen Erwartung nicht zurecht. Die Ziele waren so weit entfernt, dass sie nicht an einen Treffer glauben konnten. Durch die Treffer, kehrte der Glaube zurück und der Rest war Übungssache.“

Für das neue Jahr wünsche ich Ihnen viele schöne Erfahrungen, im Geist und im Leben.

Dr. Ben Hartwig

 

 

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