In den 60er Jahren entwickelte das Wissenschaftsteam um Walter Mischel an der Stanford Universität den Marshmallow Test. Etwa vier Jahre alte Kinder wurden in einen Raum gebracht und ihnen wurde ein Marshmallow angeboten, den sie essen konnten. Wenn sie allerdings mit dem Essen warten würden, bis die Versuchsleiterin zurückkam, erhielten sie einen zweiten Marshmallow:

Das Prinzip des Belohnungsaufschubs war geboren. Die Ergebnisse waren deshalb so aussagekräftig, weil die Kinder über Jahre studiert worden sind. 1989 publizierten Mischel et al. schließlich Delay of gratification in children  in der Fachzeitschrift Science. Je länger die Kinder der Versuchung den Marshmallow zu essen widerstanden, desto kompetenter wurden sie später von Verwandten im schulischen und sozialen Bereich beschrieben. Kinder die im Alter von vier Jahren Belohnungen für 15 Minuten oder länger aufschieben konnten, erzielten im Erwachsenenalter auch bessere Ergebnisse bei Einstufungstests für Universitäten als Kinder, die nicht warten konnten.

Von James zu Freud

Sigmund Freud

Sigmund Freud

Wie war es möglich, dass manche Kinder auf eine große Belohnung warteten, während andere sich nicht beherrschen konnten? Schon im 19ten Jahrhundert stellte der amerikanische Psychologe William James den Zusammenhang zwischen Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle her. Seine Ideen wurden von Sigmund Freud aufgegriffen. Freud kam zu dem Schluss, dass es möglich sein sollte größere Selbstkontrolle zu erlangen, indem man seine Aufmerksamkeit auf die Ziele lenkt. Der positive Fokus auf den Preis am Ende der Wartezeit kondensiere die gefühlte Zeit.

Es war den Wissenschaftlern nicht möglich die Gedanken der Kinder zu lesen. Durch geschicktes experimentelles Design kamen die Forscher an der Stanford University jedoch zu einem überraschenden Schluss. Konnten die Kinder die Belohnung sehen, warteten sie im Schnitt nur 6 Minuten. Konnten die Kinder die Belohnung nicht sehen, warteten sie durchschnittlich 11 Minuten auf die größere Belohnung. Das war unabhängig davon, ob die Kinder nur einen Marshmallow (sofortige Belohnung) oder beide Marshmallows (verzögerte Belohnung) sehen konnten.

In einem weiteren Experiment wurden die Gedanken der Kinder durch Gespräche auf die Belohnungen geführt. Das verkürzte die Wartezeit. Wurden die Kinder jedoch auf andere, spaßige Gedanken gebracht, verlängerte sich die Wartezeit wieder auf um die 10 Minuten.

Wer hat die Wahl

Diese Ergebnisse widerlegten die Thesen von Freud und Co. Sie entsprachen jedoch den Beobachtungen. Kinder, die lange auf eine Belohnung warten konnten, hielten sich die Augen zu, erfanden Spiele oder versuchten zu schlafen. Alle Mittel waren recht, um von dem Frust abzulenken, den Marshmallow nicht sofort essen zu können. Doch war das alles? Haben wir uns nur besser unter Kontrolle, wenn wir uns gut ablenken können?

Die Antwort ist ein klares Nein. Die größte Kontrolle erlangen wir durch die Fähigkeit zu abstrahieren. Wenn uns der Marshmallow gezeigt wird, dann ist es schwieriger der Versuchung zu widerstehen. Doch wenn wir nur ein Bild des Marshmallows sehen, wird es leichter. Bei Kindern erhöhte sich die durchschnittliche Wartezeit um 300 % von 6 auf 18 Minuten.

Strategien zur Selbstkontrolle

Tatsächlich sind es die Qualitäten einer Belohnung, die uns nicht warten lassen können. Die Werbeindustrie lässt grüßen. Höher, schneller, weiter, verkaufen ist ein Gefühl des Wollens erzeugen. Sind die erregenden Adjektive erst einmal in den Gedanken angekommen, gibt es kein Halten mehr. Es sei denn, wir schaffen es einen kühlen Kopf zu bewahren. Die Forschung von Walter Mischel zeigt uns dafür zwei Strategien auf. Die erste ist es die Belohnung im Kopf zu verbildlichen. Die zweite Strategie ist es an erregende Qualitäten einer anderen Belohnung zu denken. Wenn wir den süßen, leckeren und weichen Mashmallows im Kopf durch eine knackige, salzige und knusprige Brezel ersetzen, gewinnen wir an Selbstkontrolle.

Schließen möchte ich mit den Worten Mischels, der schrieb: „Postponing gratification sometimes may be an unwise choice, but unless individuals have the competencies necessary to sustain delay when they want to do so, the choice itself is lost.” (Eine Belohnung aufzuschieben, mag manchmal eine unkluge Entscheidung sein. Wenn Individuen jedoch nicht die Kompetenz erlangen, um einen Aufschub aufrecht zu halten, wenn sie wollen, ist ihnen die Wahl genommen.)

Ich wünsche Ihnen eine kontrollierte Woche,

Dr. Ben Hartwig

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Selbstkontrolle – Die Versuchung des Marshmallows

von | Jul 26, 2017 | Wissenschaft | 0 Kommentare

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