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Kaum kam ich aus dem Fahrstuhl, um Prof. Dr. Irene Mittelberg aufzusuchen, lief ich ihr auch schon fast in die Arme. Ich wurde bereits erwartet und mein erster Eindruck war durchweg positiv. Im Herz von Aachen, machten wir es uns an einem kleinen Tisch in ihrem Büro gemütlich. Es wurde Tee mit leckeren Keksen gereicht und auf dem Schreibtisch der Sprachwissenschaftlerin und Symbiotikerin stand ein nagelneuer iMAC. Ein Computer mit großer Leistungsfähigkeit ist ein Muss, wenn Videodateien analysiert werden sollen. Ich war gespannt, fühlte mich pudelwohl und wollte mehr über die Gesten von uns Menschen erfahren.

Was macht eine Symbiotikerin?
Prof Dr. Irene Mittelberg

Prof Dr. Irene Mittelberg

Die Symbiotik ist die Wissenschaft der Kommunikation durch Zeichen. In unserem Labor beschäftigen wir uns vorwiegend mit den körperlichen Zeichen, die wir auch natural media nennen. Darunter verstehen wir wiederum die natürlichen Medien, die uns mitgegeben werden, um zu kommunizieren. Gesten, die Körperhaltung, Kopfbewegungen und Blicke zählen zum Beispiel dazu. Wir untersuchen das Zusammenspiel dieser Medien im Zusammenhang mit der gesprochenen Sprache. Mit unserer Arbeit schlagen wir dann auch Brücken zur Neurowissenschaft.

In einem älteren Paper, an dem Sie beteiligt waren, habe ich gelesen, dass man oft von drei Kommunikationssystemen spricht. Dem Gesicht, der Sprache und den Händen. Ist das noch so?

Wir versuchen die Kommunikation noch detaillierter zu betrachten. Wir sind keine Experten für die Mimik, doch ein Mitarbeiter von mir hat sich mit Kopfbewegungen von Sprechenden und Zuhörern befasst. Dafür haben wir ein motion capture Labor aufgebaut.

Wie messen Sie Gesten?

Wir setzen reflektierende Marker auf bestimmte Punkte des Körpers z.Bsp. an der Hand oder an dem Kopf. Dadurch können wir feinere Bewegungen messen, als es mit Video allein möglich wäre. Das ist unser großer Vorteil. Mit dieser Technologie versuchen wir Muster im Gebrauch von Gesten zu erkennen.

Videoaufzeichnungen können den persönlichen und interpersönlichen Gestenraum nicht erfassen. Wir alle haben einen Bereich, in dem wir bevorzugt gestikulieren. Diese Räume können wir mit unserer Technik einbeziehen und visualisieren.

Was interessiert Sie dabei im Speziellen?

Momentan interessieren mich gerade redebegleitende Gesten. Das sind Gesten, die ungleich der Gebärdensprache, keinen festen Konventionen unterworfen sind. Dabei interessiert uns, wie diese Gesten motiviert sind und was kognitiv bei einem Menschen abläuft, der redebegleitende Gesten ausführt.

Welche Typen von Gesten gibt es?

Es gibt eine Reihe gängiger Gesten, von denen mir spontan ein paar einfallen. Da sind zunächst einmal die Embleme. Embleme verkörpern Konzepte, die auch ohne Sprache erkennbar sind. Ein bekanntes Emblem ist der gehobene Daumen, um Zustimmung in einer lauten Umgebung zu signalisieren.

Dann gibt es die ikonischen Gesten, die ein Bild zeichnen. Teilweise kann der Körper selbst zum Bild werden und außerdem malen wir manchmal Bilder mit den Händen. Wenn ich sage: „Ich habe mir einen Bilderrahmen gekauft!“ Und gleichzeitig den Rahmen in die Luft zeichne, mache ich eine ikonische Geste. (Während Prof. Mittelberg dies erklärte, malten wir gleichzeitig einen Bilderrahmen in die Luft. Wir begannen beide oben in der Mitte und schlossen unten in der Mitte – interessant).

Zusätzlich gibt es noch die Taktstockgesten. Diese Gesten werden oft zur Betonung von Sprache eingesetzt. Politiker nutzen diese Gesten manchmal, um Je-de ein-zel-ne Sil-be mit der Handbewegung zur unterstreichen.

Darstellende Gesten, zeigen etwas konkretes, wie einen Ball. Es kann aber auch ein abstraktes Konzept dargestellt werden. Diese Geste geht dann schon in die Richtung einer metaphorischen Geste. Metamorphisch ist eine Geste, wenn etwas Konkretes abstrakt dargestellt wird.

Sehr spannend finde ich noch die sogenannte palm up open hand Geste. Die Handfläche zeigt dann vor dem Körper nach oben und ist leicht gewölbt. Diese Geste kann sehr viel. Wenn über Dinge gesprochen wird, dient die Hand als Unterlage für den besprochenen Gegenstand. Gleichzeitig kann ich mit dieser Geste im Gespräch etwas anbieten oder auch fordern.

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Untersuchen Sie redebegleitende Gesten auch im Hirnscanner?

Wenn wir das probieren, sind die Sprachareale der Gestikulierenden aktiviert. Zusätzlich sieht man Aktivität im Motorsystem und in Hirnarealen für soziale Interaktion, wenn wir die Gesten im Hirnscan untersuchen. Das ist eine große Herausforderung, da im Kopf dann sehr viele Regionen aktiv sind. Die Gesten für die wir uns interessieren sind sehr minimalistisch. So ist es noch nicht klar, welche Hirnregionen für die Ausführung zusammenarbeiten. Wenn man metaphorische Gesten, entkoppelt von der Sprache, in einem Hirnscanner untersucht, scheint es egal zu sein, ob die Metapher in der Sprache oder in den Gesten liegt. Das finde ich spannend.

Was waren die Herausforderungen beim Aufbau Ihres Motion Capture Systems?

Zunächst einmal, dass wir alle feinen Bewegungen der Finger erfassen konnten. Es hat eine Weile gedauert, bis das System dafür ausreichend kalibriert war. Als wir dieses Problem gelöst hatten, mussten wir Wege zur Visualisierung unserer Daten finden. Jetzt sind wir so weit, dass wir alle Bewegungen und Gesten als ein mit Strichen dargestelltes Skelett darstellen können. Der nächste Schritt ist es unsere 3D-Daten mit Videodaten zu vergleichen.

Können Emotionen, Sprache und Gestik überhaupt getrennt voneinander betrachtet werden?

Durch Emotionsstudien aus der Psychologie wissen wir, dass ein Bild eines Gesichtsausdruckes allein schon von verschiedenen Menschen unterschiedlich verstanden wird. Die eine Person sieht vielleicht Ekel, während die nächste Erschrecken wahrnimmt. Obwohl körperliche Medien intuitiv sind, werden sie also keinesfalls von allen gleich verstanden.

Wenn wir Gesten betrachten schwanken wir immer zwischen: „Was soll das bedeuten?“ Und: „Aha!“ Obwohl wir die Gesten im Verbund mit Sprache untersuchen, versuchen wir auch zu verstehen, welche Gesten man von weitem doch erkennen kann. Dann können wir auch Tendenzen wahrnehmen.

Doch selbst, wenn wir das Konzept von Zeit darstellen wollen, gibt es Unterschiede. Die Vergangenheit liegt bei manchen Personen links und die Zukunft ist rechts. Bei anderen Menschen liegt die Vergangenheit hinter dem Körper und die Zukunft liegt davor. Ein Volk in den Anden sieht die Zukunft hinter sich, da der Bereich ja noch nicht gesehen wurde.

Einige Menschen beginnen zu stottern oder stockend zu sprechen, wenn sie sich bei einem Gespräch auf die Hände setzen. Allerdings können wir auch sehr viel Emotion in unsere Stimme legen und uns auch ohne die Gestik der Hände noch ausdrücken.

Sie haben für 10 Jahre in den USA gelebt. Welche Erfahrungen haben Sie dort mit Sprache und Gestik in der Lehre gemacht?

Wenn wir sprechen und gestikulieren, performen wir automatisch. Wir können eine Performance-Haltung auch im Alltag nutzen, um etwas besser darzustellen. Als ich in den USA war, ist mir diese Haltung in den Unterrichtssälen der Universitäten begegnet. Ich schätze diesen Stil sehr, weil er einfach eingängiger ist. Auch die Feedbackkultur während eines laufenden Unterrichtes scheint mir in den Vereinigten Staaten etablierter zu sein, als in Deutschland. Viele Studenten signalisieren mit starkem Kopfnicken, dass sie zuhören.

In Gesprächen nahm ich größere Mimik wahr. Die Augen wurden aufgerissen und die Kinnlade ging runter. Sprachliches Feedback war auch alltäglicher. „All right, aha, oh yeah.“ Wird in Gesprächen öfter verwendet als in Deutschland. Diese Art von Feedback war auch in akademischen Kreisen die Regel. Mittlerweile empfinde ich das als angenehm und kann mir auch vorstellen, dass stärkeres Feedback der Kommunikationskultur auch in Deutschland zuträglich ist.

Warum nutzen wir diese Möglichkeit nicht stärker in Deutschland?

Feedback und ikonische Gesten haben gemeinsam, dass wir uns verletzlich machen. Wir gehen das Risiko ein Konventionen fallen zu lassen und uns zum Hofnarr zu machen. Das ist dann auch eine Persönlichkeitssache.

Besonders deutlich wird das beim body icon. So nennen wir es, wenn wir zum Bild einer Person werden, also, auf gut Deutsch, nachahmen. Das können entweder andere Personen sein, oder wir selbst aus einer vergangenen Situation. Theoretisch kann das jeder von uns, doch nicht jedem gefällt es auch dabei beobachtet wird.

Was versteht man unter der Verkörperungstheorie oder dem Embodiment?

Im Kern geht es um die Frage, wie wir über die Wahrnehmung unseres Körpers, in Interaktion mit der Umwelt, abstrakte Zusammenhänge verstehen lernen? Dabei spielen zunächst ganz einfache Schemata eine Rolle, die wir schon als Kinder lernen. Von A nach B kommen ist das Wegschema, Sand in eine Schüssel füllen und wieder ausschütten ist das In-Out-Schema und eine verschlossene Tür, die in das Spielzimmer führt, ist das Blockschema.  Sehr viele Ergebnisse aus der Forschung kommen von der Universität aus Berkely. Als Kinder werden wir in unseren Mustern normiert. So lernen wir das Wechselspiel zwischen abstrakter und konkreter Welt zu beherrschen. Am Ende dieser Entwicklung können wir das Konzept von Anstrengung mit einer fiktiven Fahrradfahrt gegen den Wind darstellen. Räumliches Vorstellungsvermögen und Gestik sind dabei zwei wichtige Grundpfeiler. Diese Entwicklung dauert mindestens bis zum Teenageralter an.

Warum fällt es Schauspielern, die auf einer Bühne improvisieren schwer eine Sache zu tun, während sie über eine andere sprechen?

Wenn Sie in einem fiktiven Topf eine Suppe rühren, dann beginnt ihr Gehirn sofort damit zu assoziieren. Sie sehen dann vielleicht als erstes den Topf, danach den Herd und die Küchenzeile. Wenn wir so etwas tun, erschaffen wir einen Rahmen in dem wir dann stecken (framing). Wenn wir jetzt noch etwas zusätzlich kreieren wollen, was nicht direkt mit unserem frame zusammenhängt, wird es anstrengend. Die Tätigkeit muss dafür zunächst automatisiert werden. Dann können wir uns weiteren Aufgaben, wie einer Unterhaltung, zuwenden.

Wenn bekannte Tätigkeit und Gesprächsthemen zusammen fallen, fällt es deutlich leichter, als wenn wir die Suppe rühren und dabei grammatikalische Fragen beantworten. Zusätzlich schwierig ist in diesem Fall, dass uns unsere Hände für Erklärungen nicht wie gewohnt zur Verfügung stehen.

Nach diesem schönen Gespräch, verließ ich Prof. Mittelberg, um zu den Fraunhofer Instituten in Aachen zu fahren. Frau Mittelberg erzählte mir noch, dass sie, zusammen mit einem Kollegen, gerade an einem Buch zu Diagrammatik und Gesten arbeitet. Ich wünsche ihnen dabei viel Erfolg und Ihnen liebe Leser eine gestenreiche Woche,

Dr. Ben Hartwig

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