Im Tunnel ging das Licht aus. Es war 15:00 Uhr und ich saß im ICE von Brüssel nach Köln. Kurz hinter Lüttich ging nichts mehr. Die Frau, die mit gegenüber saß begann zu stöhnen: „My God!“ Nach fünf Minuten erhielten wir die Information, dass wir Informationen erhalten würden, sobald es neue Informationen gäbe. Um 20:00 Uhr hatte ich einen Auftritt vor hunderten von Leuten in Meschede. Das Sauerland schien jetzt unerreichbar zu sein.

Der Frust kommt

Ich rief meine Kollegen an und danach viele weitere, um einen Ersatz für mich zu finden, doch niemand konnte. Um 16:15 Uhr standen wir noch immer im Tunnel. Die Frau vor mir stammelte Beschimpfungen vor sich hin. Eine weitere Dame schrie die Zugbegleiter an, da alle den Flug in die Heimat verpassen würden und sich niemand bei ihr dafür entschuldigt hatte. Ein Bahnmitarbeiter kam vorbei und bat mir etwas zu trinken an. Ich lächelte und bestellte einen Tee. Er sagte: „Das macht dann 3 Euro.“ Ich antwortete: „Den hätte ich jetzt gerne gratis, bitte.“ Er erwiderte: „Das geht nicht, das fiele ja unter Kulanz.“ Ich bestellte den Tee wieder ab.

Ein Funken Hoffnung zerstört

Plötzlich ging das Licht wieder an. Die Wutentladung der Dame war vorbei und eine Stimme ertönte aus den Lautsprechern: „Wir haben den Fehler gefunden und können mit 50 % der Kraft weiter fahren. Allerdings fahren wir erst einmal zurück nach Lüttich. Alle Getränke sind ab jetzt gratis erhältlich.“ Wut, Enttäuschung und Frustration machte sich in dem Zug breit. Auch in mir kochte es gewaltig, bis ein Gedanke meine aufkeimenden Emotionen durchbrach. Ein Gedanke an einen meiner ersten Schauspiellehrer.

Ein kleiner Schritt

Jörg Schur

Mit geschlossenen Augen versetzte ich mich zurück in seinen Kurs. Der Lehrer heißt Jörg Schur und er brachte uns in seinem zweitägigen Kurs an unsere Grenzen. Bei einer Übung stand die Gruppe im Kreis und war besonders frustriert. Die vielen Anforderungen, die Herr Schur an uns stellte, waren zu viel für uns. In diesem Moment der Frustration, bliebt er ganz ruhig und sagte: „Ihr könnt euch immer neu positionieren. Wenn ihr nicht im Moment seid, geht einfach einen Schritt zurück. Nehmt wieder Kontakt zu dem auf, was zählt.“

Verspätete Erkenntnis

Es hat 10 Jahre gedauert und bei mir machte es KLICK. Mir war ganz klar, dass ich nach Meschede fahren würde. Jedes Meckern, jede Aufregung und jedes Zaudern waren nur Zeitverschwendung auf dem Weg zur Show. Ich rief meinen Kollegen an. Er wollte die Show schon absagen, doch der Veranstalter eröffnete die Möglichkeit, den Beginn auf 21:00 zu legen. Ich jubelte innerlich, denn ich hatte eine Stunde gewonnen.

Meinst du das ernst

Doch wenn ein Entschluss gefasst ist, testet das Universum gerne einmal, wie ernst man etwas meint. Nach weiteren Hürden und einer Taxifahrt für 250 € von Köln nach Meschede hielten wir um Punkt 21:00 Uhr vor dem Theater. Ich sprintete in den Saal, an der wartenden Menge vorbei, direkt auf die Bühne und wir spielten 90 Minuten durch. Ich fühlte mich erleichtert, glücklich und zwei Meter groß.

Lerneffekt

Verblüffend war für mich, dass direkt im Anschluss viele weitere Herausforderungen und Hindernisse auf dem Weg zu meinen Zielen aufgetaucht sind, die ich nicht beeinflussen konnte. Vor dem Lütticherlebnis, hätte ich vielleicht aufgegeben oder mir selbst eingeredet, dass das niemand von mir erwarten kann. Niemand, außer mir. Meiner Meinung nach, können wir immer einen Schritt tun, um uns, als Akteure und Autoren unseres Lebens, neu zu positionieren. Danke Herr Schur!

Ich wünsche Ihnen eine schrittreiche Woche.

Dr. Ben Hartwig

Neuroplay-Events

  • Schnupperkurs 1: Am 11.03.17 um 10 Uhr in Köln / Anmeldung HIER
  • Schnupperkurs 2: Am 25.03.17 um 10 Uhr in Köln / Anmeldung HIER
  • Workshop (Fokus / Kommunikation und Zusammenarbeit):
    • Am 08.04.17 und 09.04.17, je 10 – 17 Uhr in Köln / Anmeldung HIER oder E-mail an ben@neuroplay.eu

 

 

 

 

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